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(Letzte inhaltliche Aktualisierung: 15.09.2001)




Wegweiser am Jakobsweg (copyright Johannes Kluge)

Die Regeln zur Unterscheidung der 'Geister'
des Ignatius von Loyola

Tip Ein bemerkenswertes Stück Literatur sind für mich immer noch die Regeln des Ignatius von Loyola zur „Unterscheidung der Geister“. Dabei geht es um Hilfestellungen für die Übung der Beurteilung von Stimmungen. Im Idealfall können so innere Regungen und ihre Aussagekraft eingeschätzt und der richtige Umgang mit ihnen geübt und erleichtert werden.

Die folgenden Regeln sind von mir umschrieben, stellen also eine freie Interpretation, keine Übersetzung dar. Damit geht natürlich die besondere bildhafte Diktion des Ignatius teilweise verloren. Wer also Interesse hat, sollte sich das Original nicht entgehen lassen. (z.B.: Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, Styria Verlag, Übersetzung von Peter Knauer SJ, dieses Buch liegt auch den Zitaten im folgenden Text zugrunde). Die Zahlen beziehen sich auf die üblichen Randnummern für die Geistlichen Übungen.

Wer einen Kommentar zu den Unterscheidungsregeln sucht, wird auch im Kapitel 6 des folgenden Buches fündig. Dort gibt es auch ein kleines weiterführendes Literaturverzeichnis zum Thema:
Peter Köster, Zur Freiheit befähigen: kleiner Kommentar zu den grossen Exerzitien des hl. Ignatius von Loyola, Leipzig (Benno Verlag) 1999, 222 Seiten.

Noch eine Vorbemerkung des Ignatius (GÜ 22), die ich auch auf meinen Übertragungsversuch beziehen möchte: "[... Jeder muß bereitwilliger sein ], die Aussage des Nächsten zu retten, als sie zu verurteilen; und wenn er sie nicht retten kann, erkundige er sich, wie jener sie versteht, und versteht jener sie schlecht, so verbessere er ihn mit Liebe; [...]".

Gröbere Regeln

Diese Regeln sind vielleicht vor allem für die Anfangszeit des spirituellen Lebens im jungen Erwachsenenleben gedacht, in dem mit heftigen Stimmungsschwankungen zu rechnen ist, da der eigenen Werdegang noch aufgearbeitet werden muss und die Ablösung vom Elternhaus noch zu leisten ist.

  1. Gewohnheitsmäßige Fehlhaltungen sind zwar durch vernünftige Überlegung als solche zu entlarven, aber die trockene vernünftige Überlegung ist nicht sehr eindrucksvoll, wenn man sie den Wirkungen der Scheinbelohnung gegenüberstellt, die mit der Befriedigung der gewohnheitsmäßigen Fehlhaltung einhergeht. In der Regel wird es also eines deftigen äußeren Anstoßes (Unfall, gesundheitliche Probleme, schlechtes Image etc.) bedürfen, damit jemand diese Sackgasse verlassen kann. (Krasses Beispiel: Sucht.)
  2. Beim Angehen gegen gewohnheitsmäßige Fehlhaltungen ist alles was Ihnen Mut, Kraft, Trost, Ruhe schenkt und Hindernisse wegräumt, als positiv zu beurteilen und umgekehrt.
  3. „Trost“ ist eine Zunahme an Glaube, Hoffnung und Liebe, eine innere Freudigkeit verbunden mit Ruhe und Frieden und innerer Unabhängigkeit von äußeren Dingen.
  4. „Trostlosigkeit“ ist das Gegenteil von Trost: Dunkelheit, Verwirrung, Unruhe, Hoffnungslosigkeit, Trägheit, Traurigkeit, Lauheit, Klammern an äußere Dinge mit den zugehörigen Ängsten und negativen Gedanken. Es ist, wie wenn man gegen den Wind radelt.
  5. In Zeiten der Trostlosigkeit sollten Sie keine Entschlüsse fällen, vielmehr die in Zeiten des Trostes gefaßten Entschlüsse geduldig umsetzen. (Nur weil man Gegenwind hat, ist der Kurs nicht falsch. Im allerschlimmsten Fall muß man sich halt einigeln und abwarten bis der Wind etwas abflaut.)
  6. Es ist ein sinnvolles - wenn auch hartes - Training, sich in Zeiten der Trostlosigkeit intensiv gegen diese Trostlosigkeit zu stellen, sie sozusagen intensiv ins Auge zu nehmen und gegen sie so gut es eben geht anzugehen.
  7. Die Trostlosigkeit können Sie als bestehbare Probe auffassen, in der Ihnen auch gezeigt wird, wie wenig Macht Sie (und andere) von sich aus über sich selbst haben.
  8. In der Trostlosigkeit brauchen Sie vor allem Geduld. Sie sollten auch schon mal ins Auge fassen, daß solche Phasen wieder vorübergehen und auch wieder bessere Zeiten kommen werden.
  9. Trostlosigkeit ist auch ein gutes Mittel gegen Hochmut.
  10. Wenn Sie in einer Zeit des Trostes leben, sollten Sie gelegentlich daran denken, daß es auch wieder anders kommen kann und versuchen, sich einzuprägen, wie es Ihnen jetzt geht, damit Sie dann in Zeiten der Trostlosigkeit versuchen können, darauf zurückzugreifen.
  11. Überhaupt sollten Sie sich, so gut Sie können, ausgleichend verhalten: In Trostzeiten sich dämpfen, in Zeiten der Trostlosigkeit sich dagegen mit allen möglichen guten Gedanken aufmuntern.
  12. Sie sollten sich klar machen, daß ein Eintauchen in die Trostlosigkeit, diese sozusagen ermutigen und damit dramatisch verstärken kann (Problem des Sekundärgewinns beim Selbstmitleid), wohingegen ein beharrliches Dagegenhalten ihr langsam die Kraft nimmt. Das ist wie bei anstehenden Aufgaben: packen Sie sie an werden sie meist überraschend schnell kleiner, schieben Sie sie auf, hängen sie wie eine immer größer werdende Wolke über Ihnen.
  13. Es ist sinnvoll, seine Trostlosigkeit ins Licht zu halten, offen zu ihr zu stehen, mit anderen darüber zu reden und gegebenenfalls psychologische Beratung in Anspruch zu nehmen, denn im Verborgenen gedeiht sie am besten.
  14. Sie sollten versuchen, Ihre eigene Hauptschwäche herauszufinden. Denn von dort her kommen die meisten Turbulenzen im Leben! Dort müssen Sie auch am wachsamsten sein.


Feinere Regeln (328-336)

Diese Regeln dienen hauptsächlich der Unterscheidung von Scheintrost von echtem Trost und dem Umgang mit Scheintrost.

  1. Grundregel: Regungen, die echte innere Freude mit sich bringen, können mit etwas Übung von Regungen unterschieden werden, die irgendwie kleinlich, spitzfindig, eng, mit Scheinargumenten hantierend in die Irre führen. Ersteren ist zu folgen!
  2. Trost ohne erkennbare Ursache, ohne vorherige absichtliche Vorbereitung, der sich so auswirkt, daß man Liebe zu Gott empfindet, kommt von Gott. Es ist eine Begleiterscheinung des Eintretens Gottes in sein Eigentum. (Ein Beispiel kann ich hier nicht angeben, da es sich wohl um eine besondere spirituelle Erfahrung handelt, die nicht allgemein direkt zugänglich ist).
  3. Ansonsten, also wenn eine Ursache erkennbar ist, ist Trost ambivalent. Es gibt das Phänomen des Scheintrostes, so daß Sie hier noch genauer hinsehen müssen. Hilfestellungen dazu wollen die folgenden Regeln geben:
  4. Scheintrost läßt sich im schlimmsten Fall erst nachträglich erkennen, wenn nämlich die Gedanken oder Taten, zu denen er schlußendlich führt, nicht gut sind (vgl. beispielsweise überbordenden Übermut).
  5. Im etwas besseren Fall läßt sich Scheintrost an feinen Qualitätsunterschieden erkennen: Eine feine Unruhe, Anspannung, Einengung bzw. eine Abnahme von innerer Ruhe ist zu beobachten. Nur ein Trost der mit gleichbleibender positiver Qualität einhergeht ist gültig. Psychologisch gesehen geht es hier um etwas blecherne Schein- oder Ersatzbefriedigungen.
  6. Das psychologische Studium von Scheintrost ist ein nützliches Hilfsmittel der Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche und eine wichtige Voraussetzung für eine verfeinerte Selbstwahrnehmung.
  7. Diese Regel zitiere ich ausnahmsweise wörtlich nach der Übersetzung von Peter Knauer:
    „Bei denen, die vom Guten zum Besseren vorangehen, berührt der gute Engel diese Seele mild, leicht und sanft, wie ein Wassertropfen, der in einen Schwamm eintritt; und der böse berührt scharf und mit Geräusch und Unruhe, wie wann der Wassertropfen auf den Stein fällt. Und in entgegengesetzter Weise berühren die obengenannten Geister diejenigen, die vom Bösen zum Schlechteren vorangehen. Die Ursache dafür ist, daß die Einstellung der Seele den genannten Engeln entgegengesetzt oder aber gleichartig ist. Denn wenn sie entgegengesetzt ist, dann treten sie mit Lärm und manchem Verspüren wahrnehmbar ein. Und wenn sie gleichartig ist, tritt er schweigend ein, wie in das eigene Haus bei offener Tür."
  8. Auch der Trost der Regel 2 ist nicht ganz unbedenklich. Zwar stammt er sicher von Gott, aber in der Nachwirkungszeit kann er sich mit anderen Regungen vermischen, die nicht mehr so sicher von Gott stammen. Auch hier gilt es also vorsichtig zu bleiben und nicht vorschnell Konsequenzen zu ziehen.

Ergänzungen

Oster-
montag 28.3.2005
Unter-
scheidung der Geister
Neulich fand ich bei Simone Weil den folgenden Satz:

Die gleiche Anstrengung wird leichter vollbracht, wenn der Beweggrund ein niedriger als wenn er ein hoher ist. Das kommt daher, daß die niedrigen Beweggründe keiner Aufmerksamkeit bedürfen, und daß infolgedessen die Müdigkeit uns nicht hindert, uns ihrer bewußt zu sein. Die höheren Beweggründe hingegen verschwinden, wenn die Ermüdung eintritt, weil diese die Aufmerksamkeit lähmt.

Jetzt frage ich mich, ob das nicht im Grunde eine Regel zur Unterscheidung der Geister im Sinne des Ignatius von Loyola ist. Demnach wäre es absolut gesehen kein negatives Zeichen, wenn eine Handlung oder Idee nur im 'fitten' Zustand von einer positiven Motivation begleitet ist, im müden Zustand aber nur noch 'zäh', abwegig, oder sonstwie wenig sinnvoll erscheint. Ich müsste mich dann wohl nur fragen, ob ich mich nicht vielleicht überfordere, wenn ich die Handlung oder Idee umsetze.